Samstag, 10. Oktober 2009

Es wedeln die Hühnchen durch Mea Shearim...Kikeriki, Kikerika

Ha! Am Mittwoch erblickte ich es mit eigenen Augen: selbst die ultraorthodoxen Juden in Mea Shearim, die doch darauf achten, dass die Blätter ihrer Sukkot-Sträuße nicht von einem einzigen winzigen grauen Fleck verunreinigt werden (das wird sogar mit einer Uhrmacherlupe peinlichst genau kontrolliert), benutzen für ihre Sukkas/Sukkot (hebr.) ganz ordinäre Baumarktschrauben. Unsere Sukka hat also berechtigten Aussichten darauf, als eine einigermaßen "koschere" durchzugehen.
Ja, man muss schon sagen, das Leben in Mea Shearim, also dem Viertel in Jerusalem, in dem fast ausschließlich ultraorthodoxe Juden wohnen, ist etwas ganz eigenes. Beim bloßen Durchlaufen, was übrigens nur in geziemender Kleidung geduldet wird, also: Männer mit schwarzer Kippa, schwarzer Hose, weißes Hemd, ordentliche Schuhe und Frauen mit Kopftuch, langem Rock, langärmliger Bluse, kann man immerhin schon erahnen, wie sehr diese Welt von dem Wunsch geprägt ist, ein durch und durch gottgefälliges Leben zu führen. Die Menschen tragen in der Regel die traditionelle Kleidung der aschkenasischen Juden Osteuropas, sprich schwarzer Kaftan, Pelzmützen oder Krempenhüte, Schläfenlocken (Pejes), schwarze Strümpfe und Schuhe, die Frauen langen Rock, Bluse und Kopftuch unter denen man entweder einen kahlgeschorenen Schädel oder eine Perücke vermuten kann. Natürlich gibt es für die Herstellung der Kleidung auch bestimmte Vorschriften. Da dürfen keine synthetischen Fasern oder etwa Baum- und Schafswolle gleichzeitig verwoben werden.  Das führt dazu, dass die Kleidung recht teuer in der Herstellung ist. Teuer ist aber generell alles, was irgendwie "koscher" hergestellt werden muss. So kann ein nach traditionellen Regeln gekochtes Pessachmahl locker mal 300 Dollar kosten. Und das ist viel Geld für diese ultraorthodoxen jüdischen Familien, denn häufig geht der Mann keiner Arbeit nach, damit er sich eifrig dem Tora-Studium widmen kann und die Frau, die zwar arbeiten gehen könnte, ist fast immer schwanger oder muss sich um ihre 8 und mehr Kinder kümmern.
Ich muss zugeben, all diese Informationen hat uns Pater Bernhard Maria gegeben, der nämlich sehr guten Kontakt mit einigen jüdischen Familien in Mea Shearim hat, weil er in seiner Kindheit in Polen mit diesen gemeinsam in die Schule ging. Dadurch genießt er das überaus große Privileg, an einem Schabbat von seinen jüdischen Freunden angerufen zu werden, wenn eines der Kinder aus Versehen die Kühlschranktür aufgerissen hat. Pater Bernhard Maria darf dann vorbeikommen und ihn schließen.
PBM hat uns auch mal Bilder von dem sehr gewöhnungsbedürftigen Kapparotbrauch gezeigt, den wir bis dahin nur vom Hörensagen kannten (Tierschützer bitte nicht weiterlesen). Kapparot wird am Tag vor Jom Kippur gefeiert und wird bei den Ultraorthodoxen begangen, indem der Vater mit seinen Söhnen loszieht und einen Gockel kauft. Der wird dann bei lebendigem Leibe durch die Gegend gewedelt und währenddessen sagt man ganz bestimmte Gebete auf. Irgendwann stellt man den Gockel auf den Boden und guckt, ob er noch stehen kann. Wenn ja, geht das Ganze von vorne los. Wenn er umfällt, ist man ferdsch. Das Hühnchenfleisch wird anschließend nicht selber gegessen, sondern an arme und Palästinenser verteilt. Der Gedanke dahinter ist verwandt mit der alttestamentlichen Sündenbocktradition. Man lastet dem armen Vieh all seine Sünden auf und schickt es dann hin, wo der Pfeffer wächst... (Diese Kapparottradition wird aber nur noch bei den Ultraorthodoxen so begangen). Soviel mal zu Mea Shearim und seinen Hühnerwedelnden Bewohnern. Ganz kurz noch einige Worte zum Simchat Tora Fest, dass gestern abend gefeiert wurde. Anlass ist der Abschluss des liturgischen Lesejahres (Die Juden lesen während eines Jahres die gesamte Torah (= die fünf Bücher Mose) einmal durch. Das schöne an Simchat Tora ist, dass es ein sehr freudiges Fest ist. Am Ende des Gottesdienstes werden die Torarollen aus ihrem Schrein geholt und dann tanzt wirklich die gesamte Gemeinde mit ihnen durch die Gegend. (Wer noch irgendwelche ganz speziellen Fragen zum Judentum hat, der kann mir diese mal bis zum Anfang der nächsten Woche schreiben. Da wir gerade Vorlesungen bei Prof. Stemberger hören, der seines Zeichens ein großer Fachmann für Judaistik ist, ist's ein leichtes, ihm beim Abendbrot noch einige zusätzliche Fragen zu stellen).
Ansonsten hab ich am Freitag Nachmittag das erste mal eine brennende Straße gesehen. Wir waren grad auf dem Weg ins Deutsche evangelische Institut für Altertumskunde, um uns ein paar dreitausend Jahre alte Tonkrüge anzugucken, plötzlich: große Straßensperre, weil vor uns ein paar frustrierte Araber, die während Sukkot nicht in die Altstadt dürfen, sich bemüßigt fühlten, ihrer nicht ganz unberechtigten Wut, in pyromanischer Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Sowas steht hier allerdings bei großen Festen auf der Tagesordnung.

So, jetzt freue ich mich aufs Länderspiel und heute Abend feiern Alex und ich unsere Burzeltage mit Grill und Schneppes auf der Terasse, auf dass wir morgen im Gottesdienst den zweiten Bass singen können, hoffentlich aber nicht einen zweiten Abt am Altar stehen sehen.
Juchetrallala, jubilier,tirilier, hicks,

Euer
Bene

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