Montag, 28. September 2009

Jom Kippur

Das Rascheln der Bäume, jubilierende Vöglein, leere Straßen - alles Dinge, die man heute am Jom Kippur erleben konnte. Der bedeutendste Festtag im jüdischen Kalender ist ein absolut ruhiger und besinnlicher.  An diesem Tag der Versöhnung sind alle praktizierenden Juden fast den ganzen Tag über in der Synagoge und  beten. Los gehts natürlich schon am Vorabend, sodass der erste Teil des Jom Kippurfestes schon gestern gefeiert wurde. Dabei war ein Bestandteil das berühmte Col Nidre Gebet, bei dem man um die Auflösung sämtlicher Gelübde und Versprechen bittet, die man im vergangenen Jahr eingegangen ist. Ein gleichermaßen berühmtes wie seltsames Gebet
Außerdem ist strenges Fasten angesagt. In der Mischna steht dazu:  man darf nicht mehr an Nahrung zu sich nehmen, als ein Dattelkern groß ist. Gleiches gilt fürs Trinken. Außerdem ist man angehalten sich nicht einzubalsamieren, nichts ledernes zu tragen (deswegen haben heute sogar die Ultraorthodoxen Badeschlappen getragen) und man darf auch keine Kinder machen. Seltsamerweise werden ausgerechnet am Jom Kippur deutlich mehr Kinder geboren, als an anderen Tagen, erzählte uns Rabbi Bollag. Vermutlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Fasten und einem erfolgreichen Gebärprozess. Einige von meinen Kommilitonen haben auch gefastet, aber sie haben leider keine Kinder zur Welt gebracht.
Ich bin heute Nachmittag auch nochmal in die Synagoge gegangen und hab mich gefreut, dass ich viel weniger in der Gegend rumpeilen musste. Ich wusste fast immer, wo wir gerade im Text sind (was freilich noch nicht heißt, dass ich mehr als ein paar Bröckchen verstehe).
An einer im Gottesdienst sollten wir uns mit unseren Nachbarn unterhalten und dann hab ich mich meiner Nachbarin vorgestellt und gesagt, woher ich komme und wie ich heiße und was ich hier mache. Und dann erzählte sie, dass ihr Großvater einen großen Teil der Familie durch den Holocaust verloren hat. Daraufhin hab ich nur kurz gemeint, dass ich sehr dankbar bin, dass man heutzutage wieder so friedlich nebeneinander sitzt und freundlich miteinander umgehen kann. Und sie hat dem zugestimmt und meinte, dass sei u.a. der Kern von Religion.
Leider erzählte mir Hanne soeben, dass sie sich heute mit zwei Evangelikalen aus Deutschland unterhalten hat, die zusammen mit 120 anderen für zwei Wochen hier sind, um an den jüdischen Feiertagen, Juden zu missionieren und gleichzeitig wünschen, dass alle Palästinenser aus dem Land vertrieben werden...

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