
Nachdem wir schon zwei Vorlesungen zur Architekturgeschichte der Grabeskirche über uns haben ergehen lassen, ging es gestern daran, am Objekt selbst dessen verworrene Geschichte nachzuvollziehen. Dazu hat uns Prof. Krüger in einem sechs-stündigen Führungsmarathon durch jeden Winkel der Kirche gescheucht, bzw. uns zu älteren Gebäuderesten geführt, die man nur erleben kann, wenn man beim Zuckerbäcker vom Markt vorbeischaut und gegen Eintritt die Erlaubnis erhält, in seinen Hinterräumen einen Teil der alten Mauer, die noch aus konstantinischer Zeit stammt, in Augenschein zu nehmen. Nebenan seht ihr den heutigen Eingang. Das heutige Gebäude hat schon zig Umbauten, Brände und Erdbeben hinter sich. Dadurch ist die Kirche heute ein einziges skuriles Stilpotpourri, das, alles in allem, einfach mal potthässlich ist, dafür aber baugeschichtlich sehr spannend. Ein Problem ist freilich auch, dass die unterschiedlichen christlichen Denominationen, die die Kirche verwalten, es nicht gebacken kriegen, die Kirche mal vernünftig zu renovieren - es könnte ja sein, dass dabei ein Franziskaner eine Ecke der griechischen Ikonostase, die den Orthodoxen gehört, abbricht.... (man muss das nicht verstehen).

Vielleicht mal einige Worte zum Grab (siehe Bild): Es gibt historisch-kritisch gesehen weitaus zweifelhaftere Annahmen, als die, dass unter dieser Grabesädikula (ein Wunder, dass das Ding noch nicht eingestürzt ist) ungefähr das Grab Jesu gelegen haben könnte. Fakt ist, dass der Bereich, in dem die Grabeskirche heute steht, zur Zeit Jesu noch ein großes Steinbruchmassiv war. Auch Golgotha - in der Kirche Calvarienberg genannt - könnte hier gelegen haben. Sehr wahrscheinlich war dieses Areal auch außerhalb der damaligen Stadtmauern anzusiedeln und damit eine potenzielle Kreuzigungs- und Grabesstätte. Nichtsdestotrotz basieren diese Annahmen ihrerseits auf einer ganzen Hand voll Vermutungen, die nicht 1a gesichert sind. Ein Problem, dass wir mit fast jeder heiligen Stätte in Jerusalem haben. Jedenfalls hat sich dieser Ort traditionell als Ort der Grabesverehrung etabliert und das verleiht dem Ganzen eine Dignität, die es durchaus ernst zu nehmen gilt.

Hier zeigt uns Herr Krüger die Überreste eines alten Kreuzgangs aus Kreuzfahrerzeit, der in unmittelbarer Nähe errichtet wurde.
Nach diesem Marathonführung mussten wir an einer Bibliotheksführung der École biblique, einer wissenschaftlichen Einrichtung, die über die größte bibel-archäologische Bibliothek im Nahen Osten verfügt.

Zum Schluss sind einige von uns noch bei der Klagemauer vorbeigegangen, um dort den Sabbatbeginn mitzuerleben. (Hier auf dem Foto ist noch nicht viel los).
Faszinierend anzusehen, wie und mit welcher Inbrunst dort die jüdischen Männer und Frauen (natürlich getrennt), vom kleinen Steppke bis zum alten Greis, vom ultraorthodoxen bis zum Liberalen, Verse aus der Torah oder der Mischna rezitieren.
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